Legenden aus Spanien (Jakobsweg, Navarra)
Tödliche Rückkehr
Hoch über dem Tal des Río Aragón thronte im Mittelalter die Felsenburg von Rocaforte. Hinter ihren trutzigen Mauern erinnerten Hufeisenbögen und grazile Arkaden an ihre ursprünglichen Besitzer: die Muselmanen, angeführt von Bravucón.
Navarras Herrscher Fortún Garcés hatte die Festung aus den Händen Bravucóns erobert, sie zum Schutz des Jakobsweges und seines Reiches verstärkt und einem getreuen Kriegsherrn vermacht. Die Gefahr in der Gegend schien gebannt, zumal das christliche Heer die Mauren weiter im Süden in Schach hielt. Während der navarresische König sein Hab und Gut an Ländereien und Burgen vergrößerte, richtete sich der neue Burgherr mit einer kleinen Schar aus Soldaten und Dienern, seiner Frau und seinen beiden halbwüchsigen Töchtern auf der Festung von Rocaforte ein.
Es begab sich an einem milden Morgen im Frühjahr, als das Burgherrnpaar mit seinem gesamten Gefolge in die Berge zum nahen Kloster San Salvador de Leyre aufbrach. Auf Einladung Fortún Garcés‘ sollten sie dort den Pilgerzug zu Ehren der heiligen Märtyrerinnen Alodia und Nunilo begleiten und erstmals Bekanntschaft mit dem neuen Bischof Pamplonas machen.
Die jungen Schwestern blieben allein auf der einsamen Burg zurück. Sie erschienen den Eltern zu jung für feierliche Treffen solcher Tragweite. Gehorsam warteten sie mit ihrem treuen Wachhund auf dem Kastell von Rocaforte auf die abendliche Rückkehr der anderen.
Die Mittagssonne stand über der Feste, als es laut am Burgtor klopfte. Der Hund setzte zu wildem Gebell an.
„Still!” mahnte die eine Schwester und erhob sich. „Ich werde nachsehen, wer Einlass begehrt.”
„Lasst davon ab”, warf die andere ein, „Ihr wisst, dass wir niemandem öffnen dürfen.”
„Wir haben doch unseren Wachhund, er wird uns beschützen”, erwiderte die erste forsch.
Wieder klopfte es am Burgtor.
„Ein Almosen, gebt mir ein Almosen!”
Eine fremdartige Stimme drang durch die Mauern.
„Ein Almosen, bitte ein Almosen!”
„Man kann niemanden in Not abweisen, vielleicht ist es ein Bettler oder ein Pilger, der dringend unserer Hilfe bedarf”, sagte die erste.
„Nicht, Schwester, bitte nicht”, flehte die andere.
Doch das Mädchen ging, von Güte und Neugier getrieben, zum Portal. Der Hund begleitete sie. Er wirkte unruhig.
Mit aller Kraft stemmte sie die Balken beiseite und öffnete das Tor.
Der Hund knurrte böse, als er die Gestalt erblickte. Es war ein ausgemergelter Mann mit einem dunklen Gesicht. Barfuß stand er dort, mit aufgerissenen Füßen und zerschundenen Knöcheln. Er war von Strapazen gezeichnet und trug nichts weiter als einen schwarzen, wollenen Umhang.
„Habt Erbarmen”, sagte der unheimliche Fremde, „gebt mir ein Almosen, gebt mir etwas zu essen und einen Schluck Wasser. Sicher könnt Ihr etwas entbehren.”
Seine Stimme klang fremdländisch, die Aussprache der Worte auffallend hart.
Mittlerweile war die andere Schwester gekommen und hörte das Leid des vermeintlichen Bettlers. Nun war sie es, die ihrem Herzen einen Stoß gab.
„Tretet näher!” munterte sie ihn auf. „Und du sei ruhig, er tut uns nichts”, befahl sie dem Hund, der im selben Augenblick an dem Fremden hochsprang und wie toll die Zähne bleckte.
„Das reicht!” schimpfte sie, packte den Hund am Nackenfell, zog ihn voran und sperrte ihn in einen Verschlag neben dem Tor.
Dumpf hallte das Gebell des treuen Hundes hinter ihnen her, als die Schwestern den Fremden in den Innenhof neben der Waffenkammer führten. Dort saßen die beiden am liebsten. Ein Tischchen und hölzerne Bänke standen dort.
„Nehmt Platz”, sagte die eine zu dem dunkelhäutigen Fremdling.
„Was treibt Euch hier in die Gegend? Sicher kennt Ihr Euch nicht gut aus, oder? Seid Ihr ein Pilger? Habt Ihr denn kein Bündel dabei?”
Die Fragen sprudelten nur so aus dem jungen Mädchen hervor, die das eintönige Leben auf der Burg mitunter ein wenig bedrückte.
„Schwester!” mahnte die andere. „Wir wollen ihm zuerst zu essen und zu trinken geben. Seht Ihr nicht, wie hungrig und durstig er aussieht?”
Leichtfüßig schwebte sie über den Steinboden, auf dem die Arkaden feine Schattenrisse zeichneten. Aus der Speisekammer holte sie Wasser, Brot, Schinken und Oliven.
Bald sah man den Fremden, wie er gierig über das Essen herfiel und den Krug in zwei mächtigen Zügen leerte. Er sprach nichts. Nur ab und an schaute er auf und ließ den Blick über die Mauern schweifen, über die steinernen Muster aus Blüten und Blättern rund um die Hufeisenbögen. Es waren Relikte aus maurischen Zeiten. Wenige Jahre zuvor hatte er an derselben Stelle gesessen und die Ornamente seiner Meister bewundert. Wenige Jahre zuvor, ja, da war es seine Burg gewesen, die Burg des Mauren Bravucón …
Plötzlich sprang der Fremde auf und wischte mit seinem Arm den Tisch leer. Der Krug fiel zu Boden und barst. Ängstlich starrten die Schwestern auf den unheimlichen Mann. Seine Blicke waren wirr und wild.
„Ich bin der Maure Bravucón!” schmetterte er in den Innenhof hinein. „Ich bin zurückgekommen, um meine Krieger und mein Volk zu rächen! Zurück auf meine Burg, jawohl, auf meine Burg!”
Der gewaltige Hall seiner Stimme drang überall hin und vermischte sich mit dem gedämpften Gebell des Hundes.
Die Schwestern saßen wie versteinert dort. Sie hatten keine Kraft sich zu erheben, als der Maure Bravucón einen blitzenden Dolch unter seinem dunklen Umhang hervorholte. Sie gaben keinen Schrei von sich, als der unheimliche Fremde ihnen die Kehlen durchschnitt.
Bravucón hatte sein Pferd, den Sack mit Kleidern und den Proviant für die riskante Rückkehr zu den Seinen ganz in der Nähe des Kastells gelassen. Dorthin wollte er rasch zurück. In dem Moment, als er das Burgtor öffnete, gelang es dem Hund, sich aus dem Verschlag zu befreien. Er griff den Fremden an, vergrub sich in seinen Hals und biss ihm die Gurgel durch.
Die goldene Kugel der Abendsonne tauchte die Festung von Rocaforte in ein warmes Licht, als die Burgherrn mit ihrem Gefolge zurückkehrten.
Sie erstarrten, als sie einen unheimlichen Fremden vor dem geöffneten Tor liegen sahen. Aus der Ferne vernahmen sie ein stilles Winseln und stolperten durch die Gänge.
Im Innenhof neben der Waffenkammer stockte ihnen der Atem. Sie stürzten zu den leblosen Körpern ihrer geliebten Töchter. Der treue Hund saß daneben und leckte das Gesicht von einer der Schwestern.
Am folgenden Tag trug man die Mädchen zu Grabe.
Als das Leichenbegängnis beendet war, erblickten die Trauernden im Stahlblau des Himmels zwei schneeweiße Störche. Sie zogen ihre Kreise, stießen traurige Laute aus und ließen sich auf einem der Burgtürme nieder. Dort bauten sie ein Nest und blieben bis zum Herbst. Dann brachen sie auf.
Frühjahr um Frühjahr kehrten die Störche zum Kastell von Rocaforte zurück.
Informationen zum Ort des Geschehens
Geschichte und Gegenwart: Die beschriebene Trutzburg ist im Strudel der Zeiten untergegangen, eingangs des 13. Jahrhunderts soll der heilige Franz von Assisi die nahe Einsiedelei San Bartolomé gegründet haben. Rocaforte heißt „starker Fels” und bezeichnet heute einen verwinkelten Pilgerort, der mutmaßlich an gleicher Stelle der verschwundenen Festung liegt. In manchen Dokumenten wird er als Sangüesa Vieja (Alt-Sangüesa) geführt, legt sich um ein kleines Gesteinsmassiv über dem Tal und wird von der gotischen Iglesia de Santa María beherrscht. Vom Kirchplateau bietet sich ein in jeder Hinsicht getrübter Blick, der genau auf die qualmende Papierfabrik Papelera Navarra fällt. In deren Dunstkreis breitet sich auch Sangüesa aus, das als neu befestigtes Pilgerstädtchen vermutlich zu Beginn des 12. Jahrhunderts an den Flussufern des Aragón gegründet wurde. Wichtigstes Bauwerk ist die Kirche Santa María la Real mit einem der beeindruckendsten romanischen Figurenportale am gesamten Jakobsweg. Im Palacio del Príncipe de Viana unterhielt der Königshof von Navarra seine Vertretung.
Lage und Anfahrt: Rocaforte liegt am Aragonesischen Jakobsweg, 40 km südöstlich von Pamplona, ausgeschilderte Auffahrt am Stadtrand von Sangüesa.
