Reisereportage aus Brasilien
Piranhafischen und Kaimansafari
(Vorspann) Piranhafischen und Kaimansafari bei Nacht, der Blick auf das schwarze Band des Rio Negro – „Ariaú Amazon Towers” heißt Amazoniens schönste und spektakulärste Lodge.
Nacht im Dschungel. Zuckende Scheinwerfer. Insekten umschwirren die Lampen, Lichtkegel tanzen über Blätter und Halme. Endlich: rote Reflexe, ein Paar Augen, ein Kaiman! Langsam hält das Kanu aufs Ufergras zu, die verräterischen Augen im Leuchtvisier. Beto steht mit entblößtem Oberkörper am Bug. Angespannt, konzentriert. Noch drei Sekunden, zwei, eine. Er stürzt ins tiefschwarze Wasser. Es platscht und spritzt. Einen kurzen Augenblick lang verschwindet er, geht unter, taucht auf und prustet. „Hier ist er”, schnauft Beto und spuckt Wasser. Stolz hält er das Exemplar nach oben, Schwanz und Nacken fest umklammert. Vorsichtig zieht jungle guide Alan den Kaiman ins Boot, rückt ihn ins rechte Licht. „Ein Jungtier, Länge vierzig Zentimeter”, schätzt er. Das Grüppchen an Bord betrachtet Zähne und Augen und Schuppen, wir fahren mit der Hand über das glatte Leder des Unterbauchs. „Das essen die Einheimischen zwar auch”, klärt Alan auf, „aber sie lieben das Schwanzstück, das ist für sie das Filet.” Der Kaiman hat Glück, die nächtliche Wildlifetour ist nicht als Nahrungssuche gedacht. Alan schenkt ihm die Freiheit wieder, der Bootsmann nimmt Kurs zurück zur Lodge.
In Amazonien schnürt kaum ein Anbieter sein Angebotspaket ohne Kaimansafaris by night, der Ökotourismus boomt. Ein sicherer Job für einen wie Alan, 36, der sagt: „Wenn ich im Dschungel bin, fühle ich mich richtig zuhause.” Seine liebste Zeit: früh morgens ab fünf, wenn der Dunst wie ein gespenstischer weißer Teppich über den Flüssen und Baumriesen hängt und im aufziehenden Licht in tausend Nebelfetzen zerfällt. Aufgewachsen ist Alan am Rio Madeira, einem der größten Zuflüsse des Amazonas. „Das war Richtung Grenze Bolivien, weit weg von allem”, erzählt er. „Wie es dort aussah? Zwei Hütten nebeneinander, eine von meinen Eltern und die andere von meinem Onkel. Sonst nichts als Grün und Wasser.” Das Schicksal hat ihn nach Manaus gespült, der Antrieb war denkbar einfach. „Wo sonst bekommst du halbwegs vernünftige Arbeit?” fragt er.
Manaus liegt heute weit weg. Zwei Bootsstunden trennen das einstige Paris des Dschungels von den Ariaú Amazon Towers, Amazoniens schönster und packendster Lodge, die in Travellermagazinen als eines der Weltwunder gepriesen wurde. Wie wahr! Die Struktur der Anlage verschlägt den Atem: Holztürme und Baumhäuser, erbaut über den Feuchtgebieten am Rio Negro und untereinander verbunden über hölzerne Wege auf Stelzen. Das kilometerlange Stegenetz erreicht Höhen von mehr als zehn Metern und führt mitten durch den Dschungel zu Aussichtsterrassen und Kuriositäten wie dem Ufo-Landeplatz und der eiskalten Meditationspyramide. Nicht zu vergessen den Weltfriedensturm und die Quelle der Jugend. Von vielen Plattformen haben Besucher das geheimnisvolle Band des Rio Negro im Blick, des schwarzen Flusses, größter linker Nebenstrom des Amazonas. Unterwegs ist Brasiliens Wildlife zum Greifen nah: Faultiere und Leguane, Papageien und Affen, Tukane und Fledermäuse, Vogelspinnen. Abends und nachts lauscht man den nimmermüden Gesängen des Urwalds, am Ende des Lodgeaufenthalts erhält ein jeder sein persönliches „Dschungel-Zertifikat” …
Rundherum zieht das Leben an den Flüssen bescheiden dahin. Straßen sind Wasserstraßen, einziges Transportmittel ist und bleibt das Boot. In den Labyrinthen der grünen Wildnis muss jeder sein eigener Schreiner und Schmied sein, Landwirt und Hausbauer, Jäger und Fischer. Reichere fahren motorisierte Kanus, andere halten sich mit wackligen Einbäumen über Wasser. Gelegentlich tauchen reisende Händler auf, verkaufen Kleider und Werkzeug, Öl und Benzin. An den Ufern liegen weit verstreute Familienhütten und Dorfverbünde. So wie Acajatuba. Dreh- und Angelpunkt des 200-Einwohner-Nestes formt das Fußballfeld. Hier kicken die Dschungel-Ronaldos barfuß. An den Rändern reihen sich Holzstelzenhäuser auf, Wäsche trocknet auf Leinen, Hunde und Hühner laufen frei herum. Presidente Sebastião, der Ortsvorsteher, erzählt voller Stolz vom jüngst angeschafften Generator, der Acajatuba jetzt sechs Stunden täglich mit Licht versorgt. Und vom geplanten Neubau des Schulhauses. Und von seinen sieben Kindern. Zwei wohnen noch daheim, vier weitere im Dorf, zum Glück sei nur einer ins ferne Manaus gezogen. Auch Sebastião war schon dort, aber Lärm ist nichts für ihn. „Um nichts in der Welt”, sagt er, „tausche ich Acajatuba ein.” Auch Lupia, 20, eine braunäugige Schönheit, will von hier niemals weg. „Schau rüber auf den Fluss”, sagt sie, „atme die Brise ein – ich liebe Amazonien!”
Nicht überall herrscht Idylle wie in Acajatuba. Der Raubbau am Dschungel hat schwere Einschnitte hinterlassen, Jäger setzen der Tierwelt zu. Noch heute sehen sich die Indios zur Verteidigung ihrer Landrechte gezwungen. Allerdings hat sich Brasiliens Natur- und Umweltbewusstsein geschärft. Man weiß um die Bedeutung des Amazonas-Regenwaldes, der das weltweite Klima beeinflusst und seine Superlative auftischt. Mit einem Einzugsgebiet von 4,5 Mio km² bildet das Amazonasbecken das ausgedehnteste tropische Tiefland der Erde. Hier kommen Zehntausende Pflanzenarten vor, sagenhafte Acht-Meter-Anakondas und der Pirarucú, mit zwei Metern Länge der weltweit größte Süßwasserfisch. Jahresdurchgängig dominiert warme Luft, im Durchschnitt regnet es jeden zweiten Tag.
Mittendrin liegen die Ariaú Amazon Towers, in den Achtziger Jahren geboren und inspiriert durch Visionen des großen alten Forschers Jacques Cousteau (1910-1997). Als Cousteau während seiner Amazonasexpedition dreizehn Monate lang in Manaus‘ Stadthotel Mônaco Quartier bezog, kam er öfters mit Hotelbesitzer Francisco Ritta Bernardino zusammen und sagte: „Heute ist die Welt besorgt wegen eines Atomkrieges, doch diese Bedrohung wird verschwinden. Der Krieg der Zukunft wird zwischen denen ausgetragen werden, die die Natur zerstören und jenen, die sie verteidigen wollen. Amazonien wird im Auge des Hurrikans liegen. Wissenschaftler, Politiker und Künstler werden hier landen, um zu sehen, was mit dem Regenwald geschieht.” Cousteaus Visionen im Hinterkopf, entschloss sich Bernardino zum Bau einer kleinen Lodge in unverfälschtem Umfeld – und avancierte zu einem Vorreiter des brasilianischen Ökotourismus. Längst ist die Anlage expandiert und zu einem Besuchermagneten Amazoniens erwachsen, beschäftigt 150 Angestellte. Im Rezeptionsrund erinnern Holztafeln an illustre Gäste. US-Präsident Jimmy Carter und Spaniens Königspaar Juan und Sofía waren ebenso hier wie Schauspielstar Kevin Costner und Schriftstellerin Isabel Allende. Sie alle haben sich ihr eigenes Bild machen können von der Ariaú-Friedensinsel im Regenwald, von der aus weitere Touren so richtig auf den Dschungelgeschmack bringen: im motorisierten Kanu über verschlungene Nebenflüsse durch die bizarren Überflutungswälder igapós, an den Großen Strand Praia Grande mit dem Friedhof der Fischer, zum Wasserliliensee, auf Urwald- und Vogelpirsch, zu den abendlichen Ritualtänzen der Tariano-Indios in ihrem palmstrohgedeckten Versammlungshaus. Und zum Piranhafischen mit Ködern aus altem Rinderherz. Der Erfolg ist garantiert. In Riesenschwärmen sind die Fische unterwegs. Wer mag, lässt sich den Fang des Tages abends im Ariaú-Restaurant servieren. Gegrillt. Oder als Piranhasuppe.
